28

Vorwort von J. L. Borges

Voltaire: „Mikromegas“

Die Literaturkritik weist auf zwei Quellen der Voltaire’schen Erzählungen hin: Die eine ist das Buch von Tausendundeiner Nacht, das Antoine Galland, wohl sein bester Übersetzer, Europa zu Beginn des 18. Jahrhunderts zugänglich machte; die andere Qeulle ist Gullivers Reisen von Jonathan Swift (1726).

Die Tatsache steht außer Zweifel, jedoch dienen die Materialien eines Werks nur dazu, die Phantasie eines Schöpfers anzuregen. Die Märchen von Tausendundeiner Nacht wurden erfunden, damit die Hörer sie glaubten – die glasklaren Erzählungen Voltaires sind reine, anspruchsvolle Gedankenspiele, die uns keinen Glauben abfordern, sondern bereitwillige und genußreiche Teilnahme.

Verbittert wie er war, wollte Swift mit Gullivers Reisen eine Streitschrift gegen die Menschheit schreiben; rein verstandesmäßig bezweckte Voltaire das Gleiche, doch steckte in ihm eine Neigung zum Spaß und zum Glücklichsein, das zu unserm Glück aus der Streitschrift einen brillanten Schabernack machte. (...)