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Vorwort von J. L. Borges

Galland: „Tausendundeine Nacht“

(...) Auf den ersten Blick vermittelt das Buch von Tausendundeiner Nacht den Eindruck von zügelloser Phantasie; kaum machen wir uns jedoch an die Erforschung dieses Labyrinths, so wird uns, wie auch in anderen Fällen, deutlich, daß wir kein verantwortungsloses Chaos vor uns haben, keine Orgie der Einbildungskraft: Der Traum hat seine Gesetze. Immer wieder stoßen wir auf bestimmte Symmetrien: Die Wiederholung der Dreizahl, die Verstümmelungen oder Verwandlungen menschlicher Körper in Tiere, die Schönheit der Prinzessinnen, die Pracht der Herrscher, magische Talismane, allmächtige Geister, die zu Sklaven der Willkür eines Menschen werden.

Diese wiederkehrenden Motive bilden den Faden und den persönlichen Stil dieses im wahrsten Sinne des Wortes unpersönlichen gewaltigen Gemeinschaftswerkes. Ohne zu übertreiben können wir sagen, daß es zweierlei Zeit gibt: Die eine ist die historische Zeit, in der sich unser Schicksal vollzieht, die andere ist von Tausendundeiner Nacht. Zeitlos wartet sie auf unsere Hand. Ungeachtet der Widerwärtigkeiten und Zufälligkeiten, der Verwandlungen und Dämonen hinterläßt uns Schehrezads Zeitenstrom einen Duft, der in Büchern nicht weniger selten vorkommt als im Leben: den Duft der Glückseligkeit. (...)