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Vorwort von J. L. Borges

Sung-Ling: „Gast Tiger“

(…) Die für diesen Band ausgewählten Erzählungen stammen zumeist aus dem Liao Tschai von P’u Sung-Ling, dessen literarischer Beiname »der letzte Unsterbliche« oder »Quelle der Weiden« war. Sie werden ins 17. Jahrhundert datiert.

Wir sind der 1880 veröffentlichten englischen Fassung von Herbert Allen Giles gefolgt. Man weiß sehr wenig von P’u Sung-Ling, außer, daß er um 1651 die Gelehrtenprüfung in den Geisteswissenschaften nicht bestand. Diesem glücklichen Mißgeschick verdanken wir es, daß er sich ausschließlich literarischer Arbeit widmete und damit der Abfassung jenes Werks, das ihm zum Ruhm verhelfen sollte.

In China nimmt das Liao-Tschai die gleiche Stellung ein wie im Westen das Buch von Tausendundeiner Nacht. Anders als z. B. Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann wundert P’u Sung-Ling sich nicht über die Wunder, von denen er berichtet. Man ist bei ihm eher geneigt, an Swift zu denken, nicht nur wegen der Phantastik des Gegenstandes, sondern auch wegen des knapp und unpersönlich informierenden Tons und der beabsichtigten Satire.

P’u Sung-Lings Höllen erinnern an die von Quevedo: glanzlose Behördenhöllen. Seine Gerichtshöfe und -diener, seine Richter und Schreiber sind nicht minder käuflich und bürokratisch als ihre irdischen Vorbilder an jedem Ort in jedem Jahrhundert. (…)