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Vorwort von J. L. Borges

Poe: „Der entwendete Brief“

(…) Es gibt zwei nordamerikanische Dichter, ohne welche die Literatur unserer Tage unvorstellbar oder zumindest ganz anders wäre, als sie ist: E. A. Poe und Walt Whitman.

Von Walt Whitman stammt das freie Versmaß, die Liebe zu den Menschenmengen und zum Wirken unserer geschäftigen Epoche; E. A. Poes Einfluß ist nicht minder fruchtbar und sicherlich vielfältiger. Der Begriff der Kunst als Werk des Intellekts und nicht als ein Geschenk des Geistes wurde erstmals in The Philosophy of Composition im Jahre 1846 von ihm aufgestellt und von Baudelaire, im Symbolismus und von Paul Valéry weitergeführt.

Fünf Jahre früher hatte E. A. Poe Murder in the Rue Morgue veröffentlicht und damit den Kriminalroman erfunden, dessen Nachkommenschaft unzählbar geworden ist. Seine beste Prosa muß man in der phantastischen Erzählung suchen, die er mit einer Planmäßigkeit und logischen Strenge versieht, wie sie bis dahin bei dieser Gattung nicht üblich waren.

Als ihn jemand beschuldigte, die deutschen Romantiker nachzuahmen, erwiderte er: »Das Grauen kommt nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele.« Es wurde auch zu seinem Schicksal. (…)