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Vorwort von J. L. Borges

Melville: „Der Schreiber Bartleby“

Die genaue Untersuchung der »Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten« zwischen Moby Dick und Bartleby bedürfte nach meinem Dafürhalten einer Sorgfalt, welche die Kürze dieses Bandes nicht erlaubt.

Natürlich liegen die »Verschiedenheiten« auf der Hand: Ahab, die Hauptperson der breit angelegten Phantasmagorie, der Melville seinen Ruhm verdankt, ist ein Kapitän aus Nantucket, und er hat einem weißen Walfisch, der ihn verstümmelte, Rache geschworen; Schauplatz sind alle Meere der Welt. Bartleby ist ein Schreiber, bei einer Anwaltspraxis in der Wall Street angestellt, der sich mit einer Art demütiger Verbohrtheit weigert, irgendwelche Arbeit zu verrichten.

Der Stil von Moby Dick ist voll von herrlichen Anklängen an Carlyle und Shakespeare; bei Bartleby ist er so grau wie die Titelfigur selbst. Und dabei liegt zwischen dem Roman und der Erzählung ein Zeitraum von nur zwei Jahren, von 1851 bis 1853. Vielleicht hat sich der Verfasser, von der ungeheuren Weiträumigkeit seines vorigen Romans überwältigt, absichtlich die vier Wände eines im Dickicht der Stadt verlorenen kleinen Büros gesucht.

Die »Gleichheiten«, wohl etwas weniger augenfällig, sind in dem Wahnsinn der beiden Hauptfiguren zu finden und in dem Umstand, daß dieser Wahnsinn alle um sie herum ansteckt. Die gesamte Besatzung des Pequod läßt sich mit fanatischer Begeisterung zu der unsinnigen Abenteuerfahrt des Kapitäns anheuern; der Anwalt aus der Wall Street und die anderen Schreiber nehmen den Entschluß Bartlebys mit seltsamer Untätigkeit hin. Der irrsinnige Trotz sowohl Ahabs wie des Schreibers Bartleby erlahmt nicht einen einzigen Augenblick und wird ihr Tod. (…)