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Vorwort von J. L. Borges

Kafka: „Der Geier“

(...) Die unbestreitbarste Fähigkeit Kafkas ist die Erfindung von unerträglichen Situationen. Für ein einprägsames Bild genügen ihm ein paar Zeilen. Zum Beispiel: »Das Tier entwindet den Händen seines Herren die Peitsche und züchtigt sich selbst, um sich in den Herrn zu verwandeln, und es begreift nicht, daß dies nur eine durch einen weiteren Knoten in der Peitsche verursachte Illusion ist.«

Oder aber: »In den Tempel brechen Leoparden ein und trinken den Wein aus den Kelchen; das geschieht zu wiederholten Malen; schließlich ist vorauszusehen, daß es geschehen wird, und man gliedert es in die Tempelliturgie ein.«

Die Ausarbeitung ist bei Kafka nicht so bewundernswert wie der Einfall. Männer gibt es in seinem Werk nur einen: den Homo domesiticus – so jüdisch und so deutsch – voller Sehnsucht nach einem noch so bescheidenen Platz in irgendeiner Ordnung: im Weltall, in einem Ministerium, in einem Irrenhaus, im Kerker. Das Thema und der Rahmen sind das Wesentliche, nicht die Entwicklung der Fabel noch die psychologische Durcharbeitung. Deswegen haben seine Novellen Vorrang vor seinen Romanen, und deswegen sind wir berechtigt zu behaupten, daß die vorliegende Sammlung von Erzählungen uns ein vollständiges Bild dieses einzigartigen Schriftstellers gibt.