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Lord Dunsany

„Das Land des Yann“

Die Bettler

Vor kurzem ging ich über Piccadilly, dachte an alte Kinderlieder und trauerte der entschwundenen Romantik nach.
Angesichts der vorübergehenden Geschäftsleute in ihren schwarzen Gehröcken und schwarzen Hüten gedachte ich der Zeile aus alten Jahrbüchern: »Die Londoner Händler sind scharlachrot gekleidet ...« Jetzt waren alle Straßen nur trübselig und öde. Man kann nichts dagegen machen, dachte ich – nichts. Und dann wurden meine Gedanken durch Hundegebell unterbrochen. Alle Straßenköter schienen auf einmal draufloszubellen – jede Art und Rasse, nicht nur die kleinen Kläffer, sondern auch die großen. Und sie alle bellten in die Richtung, aus der ich gerade kam. Ich drehte mich um und hatte so etwas wie eine Vision, gegenüber den Häusern von Piccadilly, gerade da, wo man an der Droschkenhaltestelle vorbeikommt.

Eine Gruppe hochgewachsener, doch gebeugter Männer in malerischen Umhängen kam die Straße dahergeschritten. Alle hatten fahle Gesichter und waren dunkelhaarig, und die meisten trugen wunderliche Bärte. Sie kamen langsam und gingen mit Wanderstab, und ihre freien Hände streckten sich nach Almosen aus.
Alle Bettler waren in die Stadt gekommen.

Ich hätte ihnen gerne eine goldene Dublone mit den eingeprägten Türmen von Kastilien gegeben, aber ich besaß keine solche Münze. Die Männer schienen mir nicht von der Art, die man mit gleicher Münze abspeisen könnte, wie man sie für ein Taxi hervorkramt (Taxi, o sonderbares, schlecht gekürztes Wort, gewiß das Losungswort irgendeiner üblen Ordensbruderschaft). Einige der Bettler trugen Purpurmäntel mit breiten grünen Kanten, und bei manchen war der grüne Saum nur ein schmaler Streifen; manche Mäntel waren alt und von verblichenem Rot, und wieder andere violett, doch keiner der Männer trug schwarz. Und ihr Betteln war hoheitsvoll – so mögen Götter um Seelen bitten.
Ich stand bei einem Laternenpfahl, und sie kamen geschritten, und einer sprach den Laternenpfahl an und nannte ihn Bruder, und zwar so: »O Laternenpfahl, unser Bruder der Finsternis, landen viele Wracks bei dir in den Gezeiten der Nacht? Schlafe nicht, Bruder, schlaf nicht. Es gäbe noch mehr Schiffbrüchige, wenn du nicht wärst.«
Wie seltsam: Noch nie hatte ich an die Majestät der Straßenlampe und ihr langes Wachen über menschliches Treibgut gedacht. Aber der Aufmerksamkeit jener mantelumhüllten Fremdlinge entging nichts.
Und dann flüsterte ein anderer der Straße zu: »Bist du müde, Straße? Ein Weilchen noch wird man auf dir herumtrampeln und dich mit Teer und Hartholz kleiden. Hab Geduld, Straße. Über kurz oder lang wird die Erde beben.«
»Wer seid Ihr?« fragten die Leute. »Und woher kommt ihr?«
»Wer vermöchte zu sagen, was wir sind«, antworteten sie, »oder woher wir kommen?«
Und einer wandte sich den verrußten Häusern zu und sprach: »Gesegnet seien die Häuser, weil Menschen in ihnen träumen.« (...)