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Léon Bloy

„Unliebsame Geschichten“

Der Kräutertee

Für Henry de Groux

Jacques kam sich einfach niederträchtig vor. Es war abscheulich, wie ein gottloser Spion im Dunkeln zu hocken, während diese wildfremde Frau ihre Beichte ablegte.

Aber dann hätte er sofort gehen müssen, in dem Augenblick, als der Priester, in sein Chorgewand gekleidet, mit ihr erschienen war, oder er hätte zumindest irgendein vernehmbares Geräusch machen müssen, um sie vor der Anwesenheit eines fremden Menschen zu warnen. Jetzt war es zu spät, und diese entsetzliche Indiskretion konnte nur noch größer werden.

Dem Müßiggang ergeben, hatte er am Ende dieses Hundstages – den Kellerasseln gleich auf der Suche nach einem kühlen Ort – einer Laune folgend, die mit seinen sonstigen Launen wenig gemein hatte, die alte Kirche betreten und sich in diesen dunklen Winkel hinter dem Beichtstuhl gesetzt, wo er vor sich hinträumte, den Blick auf die langsam verlöschende große Rosette gerichtet.

Nach einigen Minuten wurde er, ohne recht zu wissen, wie ihm geschah, zum höchst unfreiwilligen Zeugen einer Beichte. Einzelne Worte konnte er freilich nicht verstehen, und im Grunde vernahm er nicht viel mehr als ein Flüstern. Doch gegen Ende schien die Unterhaltung lebhafter zu werden. Dann und wann lösten sich einige Silben aus dem trüben Strom dieses Büßergeschwätzes, und der junge Mann, wie durch ein Wunder das genaue Gegenteil eines Flegels, befürchtete ernsthaft, Zeuge von Geständnissen zu werden, die ganz offensichtlich nicht für seine Ohren bestimmt waren.

Plötzlich wurde diese Ahnung zur Gewißheit. Ein heftiger Wirbel schien zu entstehen. Die bislang reglosen Wogen teilten sich brodelnd, als würde ein Ungeheuer aus der Tiefe emportauchen, und der Zuhörer vernahm, von Entsetzen gelähmt, die hastig hervorgestoßenen Worte: »Ich sage Ihnen, ehrwürdiger Vater, ich habe Gift in seinen Kräutertee getan.« Danach – Stille. Die Frau, deren Gesicht ihm unsichtbar war, erhob sich von ihrem Betschemel und verschwand lautlos im Dickicht der Dunkelheit.

Der Priester hingegen regte sich genausoviel wie ein Toter, und lange Minuten verstrichen, bevor er die Tür öffnete und sich ebenfalls entfernte, mit dem schweren Schritt eines geschlagenen Mannes.

Erst das hartnäckige Schlüsselklirren des Kirchendieners und sein wortreicher, durch das Kirchenschiff gebrüllter Befehl, den Ort zu verlassen, vermochten Jacques zum Aufstehen zu bewegen, so sehr hatten ihn diese Worte betäubt, die wie lautes Geschrei in ihm widerhallten.