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Oscar Wilde

„Lord Arthur Saviles Verbrechen“

Der glückliche Prinz

Auf einem schlanken Sockel, hoch über der Stadt, stand der glückliche Prinz. Sein Leib war mit feinem glänzendem Gold überzogen; seine Augen waren zwei helle Saphire, und an seinem Degengriff glühte ein großer blutroter Rubin.

Alle Leute bewunderten ihn sehr, und ein Ratsherr, der in den Ruf eines Kunstkenners kommen wollte, meinte: »Er ist so schön wie ein Wetterhahn, nur nicht ganz so nützlich« – das aber fügte er hinzu, weil die Leute sonst hätten glauben mögen, er sei unpraktisch, was er wirklich nicht war. Und eine sehr gescheite Mutter sagte zu ihrem kleinen Sohn, der weinte, weil er den Mond haben wollte: »Warum kannst du nicht sein wie der glückliche Prinz? Der glückliche Prinz denkt gar nicht daran zu weinen, wenn er etwas haben will.«

Und ein enttäuschter Mann sagte leise, als er die wundervolle Statue sah: »Wenigstens einer in der Welt, der ganz und gar glücklich ist.« Als aber die Waisenkinder in ihren hellroten Mänteln und sauberen weißen Schürzen aus der Kathedrale kamen, riefen sie: »Er ist genau wie ein Engel.«

»Woher wißt ihr das?« fragte ihr Mathematiklehrer. »Ihr habt noch nie Engel gesehen.« Und die Kinder erwiderten schnell: »O freilich. Im Traum haben wir sie gesehen.« Und der Mathematiklehrer runzelte die Stirn und blickte sie sehr streng an; denn er wollte es nicht billigen, daß Kinder träumen.

In einer Nacht aber flog eine zierliche Schwalbe über die Stadt. Schon vor sechs Wochen hatten ihre Freunde sie verlassen, nur sie allein war zurückgeblieben, weil sie das wunderschöne Schilfrohr so liebte. Im Frühjahr war sie ihm begegnet, als sie hinter einem großen gelben Schmetterling her den Strom hinabflog. Und so sehr bezauberte sie die schlanke Gestalt des Schilfrohrs, daß sie innehielt in ihrem Flug und mit ihm plauderte. »Soll ich dich lieben?« sagte die Schwalbe, der es gefiel, gleich auszusprechen, was sie bewegte; und das Schilfrohr verbeugte sich tief vor ihr.

So umkreiste sie denn das schwankende Rohr und berührte das Wasser des Flusses mit den Spitzen ihrer Flügel, daß es sich zu silbernen Kreisen wellte. Dies war ihr Lieblingsspiel, und es währte den vollen Sommer über. »Ein lächerliches Verhältnis«, zwitscherten die anderen Schwalben, »das Schilfrohr hat kein Geld, dafür viel zuviel Verwandte.« Die Ufer waren auch wirklich dicht mit Schilf bewachsen. Und als dann der Herbst kam, flogen die anderen Schwalben alle fort.

Die Zurückgebliebene fühlte sich einsam, und allmählich wurde sie des geliebten Schilfrohrs überdrüssig. »Es spricht nichts«, sagte sie, »und ich fürchte, es ist gefallsüchtig; denn immer kokettiert es mit dem Wind.« Und tatsächlich, es verneigte sich stets sehr anmutig, wann immer der Wind vorüberstrich. »Ich gebe ja zu, daß es seßhaft ist«, fuhr die Schwalbe fort, »aber ich liebe das Wandern, und deshalb muß meine Frau es ebenso lieben.«

»Willst du nicht mit mir kommen?« fragte sie endlich; aber das Schilfrohr schüttelte den Kopf. Es war ja allzu fest mit seinem Zuhause verbunden. »Oh«, rief die Schwalbe enttäuscht, »du hast nur gescherzt mit mir! Ich fliege zu den Pyramiden. Leb wohl!« Die Schwalbe flog den ganzen Tag und kam am Abend in die Stadt. Wo soll ich übernachten? dachte sie. Ich will doch hoffen, daß die Stadt dafür gesorgt hat. Da erblickte sie die Statue auf dem schlanken Sockel. »Dort will ich übernachten«, rief sie, »das ist ein herrlicher Ort mit viel frischer Luft.« Darauf ließ sie sich gerade zwischen den Füßen des glücklichen Prinzen nieder.