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Herbert George Wells

„Die Tür in der Mauer“

Eines Abends, vor knapp drei Monaten, erzählte mir Lionel Wallace im vertraulichen Gespräch diese Geschichte von der Tür in der Mauer. Und damals glaubte ich, daß es – zumindest für ihn – eine wahre Geschichte sei.

Er erzählte sie mir so schlicht und voll innerer Gewißheit, daß ich nicht anders konnte, als ihm zu glauben. Aber am Morgen darauf, als ich in meiner eigenen Wohnung aufwachte, umgab mich eine andere Atmosphäre; und wie ich mir so im Bett liegend den Inhalt seiner Erzählung ins Gedächtnis zurückrief, diesmal des Zaubers seiner ernsten, bedächtigen Stimme beraubt, entblößt vom begrenzten Lichtkreis der abgedunkelten Tischlampe, von der schattenreichen Umgebung, die ihn und mich eingehüllt hatte, und den angenehm schimmernden Dingen, des Desserts und der Gläser und des Tafeltuchs von der Mahlzeit, die wir zusammen eingenommen hatten, was alles zu der Zeit eine kleine lichte Welt schuf, die von den Realitäten des Alltags ziemlich entfernt war, kam mir das Ganze offengestanden unglaubhaft vor.

»Er war mysteriös!« sagte ich, und dann: »Wie gut er es machte! ... Ich hätte eigentlich nicht erwartet, daß ausgerechnet er so etwas gut konnte.«

Später, als ich im Bett saß und meinen morgendlichen Tee schlürfte, ertappte ich mich bei dem Versuch, mit den Anschein von Realität, der mich bei seinen unmöglichen Erinnerungen so erstaunte, mit der Annahme zu erklären, daß er damit irgendwie Erlebnisse andeuten, darstellen wollte – ich weiß kaum, welches Wort ich wählen soll –, Erlebnisse, die anders nicht wiederzugeben waren.

Nun nehme ich aber nicht länger Zuflucht zu dieser Erklärung. Ich habe meine dazwischen auftretenden Zweifel überwunden. Ich glaube jetzt, was ich während seiner Erzählung glaubte, daß Wallace mir nach bestem Vermögen die Wahrheit seines Geheimnisses entdeckte. Doch ob er wirklich sah oder nur glaubte zu sehen, ob er ein unschätzbares Privileg genoß oder das Opfer eines phantastischen Traumes war, darüber kann ich mir kein Urteil anmaßen. Selbst die Umstände seines Todes, die meine Zweifel beseitigten, erhellen nichts.

Der Leser muß sich also sein eigenes Urteil bilden. Ich habe anzumerken vergessen, welche zufällige Bemerkung oder welche Kritik meinerseits einen so zurückhaltenden Mann dazu veranlassen konnte, sich mir anzuvertrauen. Ich glaube jedoch, er verteidigte sich gegen einen Vorwurf, den ich ihm gemacht hatte, den Vorwurf mangelnden Engagements und der Unzuverlässigkeit im Hinblick auf eine große öffentliche Bewegung, wodurch er mich enttäuscht hatte. Ganz plötzlich begann er. »Meine Gedanken sind völlig von einer Sache in Anspruch genommen ...«, sagte er.

»Ich weiß«, fuhr er nach einer Pause fort. »ich habe anderes vernachlässigt. Es ist nämlich so – es handelt sich nicht um Geistererscheinungen und doch – es hört sich merkwürdig an, Redmond – ich bin heimgesucht. Ich bin durch etwas heimgesucht – das alles andere verblassen läßt, das mich mit Sehnsucht erfüllt ...«