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Villiers de L'Isle-Adam

„Der Tischgast der letzten Feste“

Düster die Erzählung, düstrer noch der Erzähler

Für Coquelin den Jüngeren »Ut declaratio fiat.«

An jenem Abend war ich höchst offiziell geladener Gast bei einem Souper von Theaterautoren, die sich versammelt hatten, um den Erfolg eines Kollegen zu feiern. Man war bei B**, dem bei den Leuten von der Feder beliebten Restaurateur.

Natürlich war das Souper zunächst einmal langweilig. Nachdem man jedoch einige randvolle Gläser alten Léoville hinuntergestürzt hatte, wurde die Unterhaltung lebhafter. Dies um so mehr, als sie sich um die unablässigen Duelle drehte, die zu jener Zeit einen Großteil der Pariser Unterhaltungen beschäftigten.

Ein jeder erinnerte sich, mit der gebotenen Ungezwungenheit, einst den Degen geführt zu haben, und bemühte sich, unter dem Anstrich wissenschaftlicher Theorien über die Fecht- und Schießkunst mit verständnisvollem Augenzwinkern unbestimmte Drohungen durchblicken zu lassen. Der Naivste, schon ein wenig betrunken, schien in die Kombination eines Croisé-Hiebs aus der Sekonde vertieft zu sein, die er mit Messer und Gabel über seinem Teller vollführte.

Plötzlich rief einer der Tischgäste, Monsieur D** – ein Mann, mit allen Finessen des Theaters vertraut, ein Vorbild im kunstvollen Aufbau sämtlicher dramatischer Situationen, kurz jener, der von allen am besten bewiesen hat, wie man sich einen Erfolg zimmert:

»Was würdet ihr sagen, meine Freunde, wenn euch das Abenteuer zugestoßen wäre, das ich unlängst erlebte?«

»Richtig«, antworteten die Gäste. »Du bist ja der Sekundant dieses Monsieur de Saint-Sever gewesen.« »Nun, wie wäre es, wenn du uns – aber frei heraus – erzählen würdest, wie die Dinge sich abgespielt haben?«

»Gern«, antwortete D**, »wenn der Gedanke daran mir auch immer noch das Herz zusammenzieht.« Nach einigen schweigenden Zügen an der Zigarette begann D** folgendermaßen (ich halte mich streng an seine eigenen Worte):

»Vor etwa vierzehn Tagen, an einem Montag, wurde ich um sieben Uhr in der Frühe durch ein Läuten an meiner Tür geweckt; ich glaubte zunächst, es wäre der Theateragent Peragallo. Man überreichte mir eine Karte – ich las: Raoul de Saint-Sever. Das war der Name meines besten Schulfreundes. Wir hatten uns seit zehn Jahren nicht gesehen. Er trat ein. Er war es wirklich!

>Es ist lange her, daß ich dir die Hand geschüttelt habe<, sagte ich. >Ach, wie freue ich mich, dich Wiederzusehen! Wir werden frühstücken und uns über die alten Zeiten unterhalten. Kommst du aus der Bretagne?<

>Gestern erst<, antwortete er. Ich zog mir einen Schlafrock an, goß Madeira ein, und als wir uns gesetzt hatten, sagte ich: >Raoul, du siehst besorgt aus, nachdenklich ... Ist das jetzt deine Gewohnheit?<

>Nein, es ist die Erregung, die sich meiner immer wieder bemächtigt.< >Erregung? Hast du an der Börse verloren?< Er schüttelte den Kopf. >Hast du von den Duellen auf Leben und Tod gehört?<, fragte er mich einfach. Die Frage überraschte mich, ich muß es gestehen. Sie kam unvermittelt. >Seltsame Frage<, sagte ich, um etwas zu sagen. Und ich betrachtete ihn. Da ich mich seiner Vorliebe für die Literatur entsann, war ich im Glauben, er habe mir soeben die Auflösung eines Theaterstückes dargelegt, das er in der Stille der Provinz ersonnen hatte.

>Ob ich davon gehört habe? Aber das Ausdenken, Arrangieren, Auflösen von Angelegenheiten dieser Art gehört doch zu meinem Beruf als Theaterautor! Duelle sind sogar geradezu meine Spezialität, und man gesteht mir gerne zu, daß ich mich darin auszeichne. Liest du denn nicht die Montagsblätter?<

>Nun<, sagte er, >es handelt sich just um etwas dieser Art.< (...)