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Nach Richard F. Burton

„Tausendundeine Nacht“

Die Erzählung der Schlangenkönigin

Einst lebte im Griechenland längst vergangener goldener Tage ein großer Gelehrter namens Daniel, der viele Schüler und Nachfolger fand; auch die Weisen im Rat der Griechen folgten seinen Vorschlägen und vertrauten seiner erfahrenen Klugheit. Aber eines hatte Allah ihm versagt: es wurde ihm kein Sohn geboren.

Als er eines Nachts, wie so oft, in Gedanken an dieses Wunschkind wachlag und weinte, weil niemand seine Weisheit erben und fortführen würde, fiel ihm ein, daß ja Allah, der Erhabene, das Gebet jener erhört, die an ihn glauben; daß vor seinem Tor kein strenger Türhüter wacht, daß Allah großzügig in seiner Güte handelt und keinen Bittsteller mit leeren Händen fortschickt. So flehte er den Allmächtigen an, ihm einen Nachfolger zu schenken und ihm Seinen Segen mitzugeben.

Noch in derselben Nacht, als er mit seiner Frau geschlafen hatte, war sie schwanger. Nur wenige Tage darauf mußte er eine weite Schiffsreise antreten, aber das Schiff versank, und er konnte sich nur auf einer Planke retten; von all seinen Büchern blieben ihm nur fünf Blätter in Händen.

Als er endlich wieder in der Heimat war, legte er die fünf Blätter in eine Truhe, schloß sie ab, gab seiner hochschwangeren Frau den Schlüssel und sprach: »Ich fühle, daß mein Ende naht und die Zeit der Heimkehr von diesem Ort des Übergangs in das schöne Land der Dauer. Da du schwanger bist, und nach meinem Tod vielleicht einem Sohn das Leben schenkst, gib ihm den Namen Hasib Karim al-Din und sieh zu, daß er in allem die beste Erziehung erhält. Wenn der Junge erwachsen ist und dich fragt, was ihm sein Vater als Erbschaft hinterlassen hat, gibt ihm diese fünf Blätter; wenn er die gelesen und verstanden hat, wird er der größte Gelehrte seiner Zeit sein.«

Dann nahm er Abschied von seiner Frau, seufzte noch einmal tief auf und ließ die Welt endgültig hinter sich – Allah der Höchste sei ihm gnädig! Seine Familie und seine Freunde weinten und trauerten um ihn; wuschen ihn und sorgten für ein stattliches Begräbnis; dann machten sie sich auf den Heimweg. Schon wenige Tage später brachte die verwitwete Mutter einen gesunden Sohn zur Welt und nannte das hübsche Kind Hasib Karim al-Din, wie ihr Mann es gewollt hatte.

Und gleich nach der Geburt ließ sie die Astrologen rufen, die sein Horoskop mit allen Aspekten stellten und dann zu ihr sagten: »Du mußt wissen, daß dies Neugeborene ein langes Leben erwartet, aber erst nach einer großen Gefahr in jungen Jahren; wenn er die übersteht, wird ihm großes Wissen in allen Wissenschaften zuteil.« Nach dieser Weissagung ließen sie die beiden allein. (...)