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Nach Antoine Galland

„Tausendundeine Nacht“

Historie von Aladin oder Die wunderbare Lampe

In der Hauptstadt eines gewissen, sehr reichen und weitläufigen Königreiches in China, deren Namen mir gerade nicht einfallen will, wohnte ein Schneider mit Namen Mustafa. Der Schneider Mustafa war sehr arm und konnte mit seinem Handwerk kaum genug erwerben, um sich selbst, seine Frau und einen Sohn, den Gott ihm geschenkt hatte, davon zu ernähren.

Der Sohn, Aladin genannt, war so nachlässig aufgezogen worden, daß er sich viele Laster angewöhnt hatte. Er war gottlos, eigensinnig und seinen Eltern gegenüber ungehorsam. Sobald er etwas größer war, konnten ihn seine Eltern nicht zu Hause halten. Er lief morgens weg und spielte den ganzen Tag auf den Straßen und Marktplätzen mit kleinen, liederlichen Jungen, die auch noch viel jünger waren als er.

Als er nun alt genug war, um ein Handwerk zu erlernen, nahm ihm sein Vater, da er ihn nicht in ein anderes Haus geben konnte, zu sich in die Werkstatt und lehrte ihn, wie man die Nadel führen muß. Allein, es war dem Vater nicht möglich, weder durch gute Worte noch durch Androhung von harten Strafen, den unsteten und liederlichen Charakter seines Sohnes zu bändigen.

Denn trotz aller Versuche konnte er ihn nicht zum Stillsitzen zwingen oder zum fleißigen Arbeiten, wie er selbst es gewohnt war. Sobald Mustafa ihm den Rücken zugekehrt hatte, lief Aladin fort und kam den ganzen Tag nicht zurück nach Hause. Zwar züchtigte ihn der Vater dafür, aber Aladin war nicht zu erziehen oder zu verändern.

Zu seinem großen Leidwesen sah sich Mustafa daher gezwungen, ihn dem liederlichen Leben zu überlassen. Das machte ihm große Sorgen, und der Kummer darüber, daß er seinen Sohn nicht zu besserem Gehorsam erziehen konnte, machte ihn so krank, daß er wenige Monate darauf starb. Aladins Mutter, die sah, daß ihr Sohn das Handwerk seines Vaters nicht lernen wollte, schloß die Werkstatt und machte alle Handwerksgeräte zu Geld, damit sie und ihr Sohn davon und von dem, was sie mit Baumwollespinnen verdiente, leben konnten.

Aladin, der jetzt von seinem Vater nichts mehr fürchten mußte, und sich um seine Mutter wenig kümmerte, ja sie sogar bei den geringsten Ermahnungen bedrohte, führte nun ganz und gar das Leben eines Taugenichts. Immer häufiger besuchte er die gleichaltrigen Kinder seiner Nachbarschaft und spielte mit noch größerem Vergnügen mit ihnen als zuvor.

So trieb er es bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr, ohne daß er sich überlegte, was er einmal lernen und werden wollte. Nun begab es sich, daß eines Tages, als er wie gewohnt auf einem Platz mit vielen Jugendlichen seines Alters spielte, ein Fremder über den Markt ging, stillstand und ihn betrachtete.

Dieser Fremde war ein Zauberkünstler, den uns die Überlieferer dieser Geschichte unter dem Namen Afrikanischer Zauberer vorstellen. Wir werden ihn also auch so nennen, zumal er wirklich aus Afrika stammte und erst zwei Tage zuvor angekommen war.

Nun mag der Afrikanische Zauberer, der Gesichter sehr gut zu deuten wußte, in Aladins Gesicht all das gefunden haben, was er auf seiner Reise gesucht hatte – oder war es ein anderer Grund – jedenfalls fragte er sehr gründlich nach dem Namen, der Herkunft, dem Charakter und den Neigungen des Jungen.

Als er alles erfahren hatte, was er wissen wollte, zog er den jungen Mann etliche Schritte beiseite und fragte ihn: »Mein lieber Sohn, hieß nicht Euer Vater Mustafa der Schneider?«

»Ja mein Herr«, antwortete Aladin, »aber er ist schon vor einiger Zeit gestorben.«

Bei diesen Worten fiel der Afrikanische Zauberer Aladin um den Hals, umarmte und küßte ihn, sogar Tränen traten ihm in die Augen und er seufzte tief. (...)