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Saki

„Die Verschwiegenheit der Lady Anne“

Die Therapie

Im Gepäcknetz des Eisenbahnwagens, Clovis unmittelbar gegenüber, lag eine solide gearbeitete Reisetasche mit einem deutlich geschriebenen Namensschild, auf dem zu lesen war: »J. P. Huddle, The Warren, Tilfield near Slowborough«.

Direkt unter dem Gepäcknetz saß die menschliche Verkörperung dieser Anschrift, ein solides, gesetztes Individuum, gesetzt gekleidet und in ein gesetztes Gespräch vertieft. Selbst ohne diese Unterhaltung – die mit einem neben ihm sitzenden Freund geführt wurde und bei der es in der Hauptsache um Themen wie die Spätreife der römischen Hyazinthe und das Überhandnehmen der Masern im Pfarrhaus ging – hätte man das Temperament und den geistigen Standpunkt des Reisetaschenbesitzers ziemlich genau abschätzen können.

Er schien jedoch nicht willens, auch nur die geringste Kleinigkeit allein der Phantasie eines flüchtigen Beobachters zu überlassen, und das Gespräch wurde wenig später ausgesprochen persönlich und selbstbeschaulich. »Ich weiß nicht, wie es kommt«, erzählte er seinem Freund, »aber obgleich ich nicht viel über Vierzig bin, scheine ich tiefgreifende Gewohnheiten angenommen zu haben, die eher einem sehr viel älteren Menschen entsprächen. Bei meiner Schwester zeigt sich dieselbe Neigung. Wir haben es gern, wenn alles an seinem gewohnten Platz steht, wenn alles genau zur festgesetzten Zeit geschieht, und alles millimetergenau und auf die Minute pünktlich abläuft, wenn also alles und jedes normal, ordentlich, präzise und methodisch geschieht. Es irritiert und ärgert uns, wenn es einmal nicht so ist. Um ein ganz unbedeutendes Beispiel zu nennen: Jahr für Jahr hatte eine Drossel ihr Nest in der Weide auf dem Rasen gebaut; dieses Jahr baute sie es, ohne jeden Grund, im Efeu an der Gartenmauer. Meine Schwester und ich haben zwar kaum ein Wort darüber verloren, aber trotzdem glaube ich, daß diese Veränderung unserer beider Ansicht nach vollkommen unnötig und daher ein bißchen irritierend ist.«

»Vielleicht ist es diesmal eine andere Drossel.«

»Daran haben wir auch schon gedacht«, sagte J. P. Huddle, »aber meiner Ansicht nach wäre dies ein noch größerer Anlaß des Ärgernisses. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß ein Wechsel der Drossel zu unseren Lebzeiten unerwünscht ist; und dennoch haben wir, wie ich bereits sagte, eigentlich noch nicht das Alter erreicht, in dem derartige Dinge sich ernstlich bemerkbar machen.«

»Was Sie brauchen«, sagte der Freund, »ist eine Unruhekur.«

»Eine Unruhekur? Davon habe ich noch nie etwas gehört.«

»Es gibt Ruhekuren für Leute, die unter der Anspannung durch zu große Anstrengungen und ein angestrengtes Leben zusammengebrochen sind; Sie hingegen leiden an überspannter Ruhe und Muße, und demnach brauchen Sie eine genau entgegengesetzte Behandlung.«

»Aber wohin muß man dazu gehen?«

»Ach Gott – lassen Sie sich in Südafrika als Kandidat der Opposition aufstellen, oder fahren Sie nach Paris und besuchen Sie die dortigen Apachenviertel, oder halten Sie in Berlin Vorträge und beweisen Sie, daß Wagners Musik von Gambetta komponiert wurde; und schließlich gibt es noch Reisen in das Innere von Marokko. Damit die Unruhekur jedoch tatsächlich wirksam ist, sollte man versuchen, sie zu Hause durchzuführen. Wie man es jedoch anstellen könnte – darüber habe ich nicht die leiseste Vorstellung.«

An diesem Punkt der Unterhaltung wurde Clovis von gespannter Aufmerksamkeit überwältigt. Schließlich versprach sein zweitägiger Besuch bei einer ältlichen Verwandten in Slowborough nicht allzu aufregend zu werden. Bevor der Zug zum Stillstand kam, hatte er seine linke Manschette mit einer Inschrift verziert: »J. P. Huddle, The Warren, Tilfield near Slowborough.« (...)