2

Frederico Peltzer

„Der Schachlehrer“

Als er dem Mann vorgestellt wurde, verstand der seinen Namen nicht recht; aber der andere war offensichtlich nicht von hier. Der Mensch war groß, hatte graumeliertes Haar und einen gepflegten Bart im Stil der Dandys aus der Zeit Mansillas. Er schlug ihm sofort vor, Schach zu spielen. Der Mann konnte zwar kaum die Figuren richtig bewegen, aber er willigte ein.

Jeden Abend erteilte ihm der Fremde geduldig Unterricht. Sie spielten nicht eigentlich, sondern probierten Methoden aus, mit denen sich nach der Eröffnung eine gute Position erzielen, in der Mittelphase kombinieren und das Endspiel zum Sieg führen ließ.

Eines Tages sagte der Lehrer zu ihm: »Wissen Sie, daß sie sehr gut spielen? Sie verstehen schon fast so viel von Schach wie ich.«

Der Mann fühlte sich geschmeichelt, wollte sich aber nicht brüsten. »In dem >fast< liegt der Unterschied«, sagte er.

»Kann sein«, erwiderte der andere in einem Ton, als sei es jetzt an der Zeit, in ein anderes, weniger langweiliges Dorf zu ziehen.

Die Lehre dauerte noch eine Woche. Als es Sonntag wurde, sagte der Lehrer: »Morgen verlasse ich das Dorf; da ist Montag … Aber vorher gebe ich Ihnen noch eine letzte Stunde.«

Sie begannen. Das Spiel stand gleich, und für keinen von beiden waren Chancen abzusehen. Sie waren im Mittelspiel, und der Lehrer schien besorgt, denn er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, auf einen Fehler hinzuweisen, wie er es sonst bei einem schwachen oder falschen Zug des Mannes tat.

Plötzlich sah er ihn an und sagte: »Wollen Sie, daß wir im Ernst spielen?« Der Schüler schien nicht zu begreifen; er hatte die ganze Zeit im Ernst gespielt. Der Lehrer erklärte: »Ich meine, wollen wir diese Partie bis zum Ende spielen, verstehen Sie? Ohne daß ich Ihnen Hinweise gebe. Eine Art Kräftevergleich …«

Der Mann sah auf das Schachbrett, überlegte sich seine Position und betrachtete sie im Lichte all seines Wissens. Das Spiel war ausgewogen, und sie hatten die gleichen Figuren. Aber etwas reizte ihn. Es war eine Art Ahnung, daß er gewinnen würde, der Wunsch, es mit dem anderen aufzunehmen, es zu riskieren. Der Schüler sah dem Lehrer ins gleichmütige Gesicht. »Gut«, sagte er.

Da bewegte der andere eine Figur (er war am Zug) und flüsterte: »Matt.« Und so war es. »Bewundernswürdig«, sagte der Schüler. »Es schien, als bestünde keine Gefahr. Wir standen gleich …«

»Ja, so schien es«, bemerkte der Lehrer.

Der Mann hatte sich bereits abgefunden und meinte, als sie aufstanden, nur noch: »Es ist nicht gut, so vertrauensselig zu sein, oder? Das ist nun unsere letzte Stunde … Aber wie heißen Sie bitte noch mal?«

Der Lehrer antwortete: »Gott.«