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Giovanni Papini

„Der Spiegel auf der Flucht“

Eine völlig absurde Geschichte

Vor vier Tagen etwa, als ich gerade leicht gereizt einige der wohl unehrlichsten Seiten meiner Lebenserinnerungen zu Papier brachte, hörte ich es leicht an die Tür klopfen. Aber weder erhob ich mich, noch gab ich eine Antwort. Das Pochen an der Tür war zu schwach, und mit schüchternen Menschen will ich nichts zu tun haben.

Tags drauf, zur selben Stunde, hörte ich es von neuem klopfen. Diesmal war das Pochen kräftiger und entschlossener. Aber auch an diesem Tag wollte ich die Tür nicht öffnen, weil ich diejenigen Menschen schon gar nicht mag, die sich allzu schnell korrigieren.
Am darauffolgenden Tag, abermals zur selben Stunde, wurde das Pochen in heftiger Form wiederholt. Noch ehe ich mich zu erheben vermochte, sah ich die Tür sich öffnen und die mittelmäßige Gestalt eines ziemlich jungen Mannes mit leicht gerötetem Gesicht und mit vollem, dichtem, rotem Haar eintreten. Ungelenkt verbeugte er sich vor mir, ohne ein Wort zu sagen.

Kaum daß er einen Stuhl gefunden hatte, ließ er sich darauf fallen, und da ich stehen geblieben war, wies er mir den Sessel, damit ich darauf Platz nähme. Nachdem ich gehorcht hatte, glaubte ich das Recht zu haben, ihn zu fragen, wer er sei, und bat ihn mit nicht gerade höflicher Stimme, mir seinen Namen und den Grund mitzuteilen, der ihn veranlaßt hatte, in mein Zimmer einzudringen.
Der Mann aber verzog keine Miene und ließ mich sofort verstehen, daß er momentan das zu bleiben gedachte, was er für mich war: ein Unbekannter.

»Der Grund, der mich zu Ihnen führt«, fuhr er lächelnd fort, »befindet sich in meiner Tasche, und ich werde Sie gleich mit ihm bekannt machen.«
Tatsächlich hatte er ein schmutziggelbes Lederköfferchen mit abgenützten Messingbeschlägen in der Hand, das er im selben Augenblick öffnete und aus dem er ein Buch hervorholte.

»Dieses Buch«, sagte er, indem er mit den großen, in rostrot geblümtes Papier eingebundenen Band vors Gesicht hielt, »enthält eine imaginäre Geschichte, die ich erfunden, verfaßt und niedergeschrieben habe. Ich habe in meinem ganzen Leben nur diese eine Geschichte geschrieben, und ich erlaube mir anzunehmen, daß sie Ihnen nicht mißfallen wird. Bis jetzt waren Sie mir nur aufgrund Ihres Rufs bekannt, und erst vor wenigen Tagen sagte mir eine Frau, die Sie liebt, daß Sie einer der wenigen Menschen sind, die es verstehen, nicht vor sich selbst zu erschrecken, und der einzige, der den Mut aufbrachte, vielen seinesgleichen den Tod anzuraten. Aus all diesen Gründen dachte ich, Ihnen meine Geschichte vorzulesen.

Sie erzählt das Leben eines phantastischen Menschen, der in die einzigartigsten und ungewöhnlichsten Abenteuer verwickelt wird. Wenn Sie meine Geschichte angehört haben, werden Sie mir sagen, was ich tun soll. Wenn sie Ihnen gefällt, werden Sie mir versprechen, mich binnen eines Jahres berühmt zu machen. Wenn sie Ihnen nicht gefällt, werde ich mich binnen eines Tages töten. Sagen Sie mir, ob Sie diese Bedingungen akzeptieren und ich beginne.«