17

Herman Melville

„Der Schreiber Bartleby“

 

Ich bin bereits im gesetzteren Alter. Die Art meiner Berufsgeschäfte hat mich in den letzten dreißig Jahren näher als allgemein üblich mit einer Menschenklasse in Berührung gebracht, die uns interessant und irgendwie sonderbar erscheint und über die, soviel ich weiß, bisher noch nichts geschrieben worden ist – ich meine die Anwaltskopisten oder Notariatsschreiber. Ich habe viele von ihnen gekannt, beruflich und privat, und könnte, wenn ich wollte, allerlei Geschichten erzählen, die freundlichen Herren ein Lächeln und gemütvollen Seelen Tränen entlocken würden.

Aber ich schiebe die Lebensgeschichten aller anderen Notariatsschreiber zur Seite zugunsten einiger Ausschnitte aus dem Leben Bartlebys, der auch einer war, und zwar der seltsamste, von dem ich je etwas gesehen oder gehört habe. Während ich von anderen Antwaltskopisten das ganze Leben beschreiben könnte, ist das bei Bartleby nicht möglich. Ich glaube, für eine vollständige und befriedigende Biographie dieses Menschen gibt es keine Unterlagen. Für die Literatur ist das ein unersetzlicher Verlust. Bartleby war eine von den Existenzen, über die, wenn ich die Originalquellen übergehe, nichts zu berichten ist, und in seinem Falle sind diese sehr dürftig. Was meine eigenen erstaunten Augen von Bartleby sahen, das ist alles, was ich von ihm weiß, wenn ich von einem vagen Bericht absehe, den ich im Anschluß daran wiedergeben werde. (...)

Meine Büroräume befanden sich in einem oberen Stockwerk des Hauses Wall Street Nr. –. Auf der einen Seite schaute man gegen die weiße Wand im Innern eines geräumigen Lichtschachtes, der vom Dach des Gebäudes bis zum Erdboden reichte.
Dieser Ausblick mochte alles andere als erhebend sein, da ihm all das fehlte, was ein Landschaftsmaler »Leben« nennt. Aber wenn dem so war, so bot die Aussicht vom anderen Ende meiner Räumlichkeiten wenigstens einen Gegensatz, wenn nicht mehr. In dieser Richtung öffneten meine Fenster den ungehinderten Blick auf eine hohe, von Alter und dauerndem Schatten geschwärzte Backsteinmauer. Die verborgenen Schönheiten dieser Mauer erkennbar zu machen, bedurfte es keines Fernrohrs, denn zum Wohle aller kurzsichtigen Betrachter war sie keine zehn Fuß weit von meinen Fensterscheiben aufgerichtet. Dank der großen Höhe der umliegenden Gebäude und der Tatsache, daß meine Büroräume sich im ersten Obergeschoß befanden, erinnerte der Raum zwischen dieser Wand und der meinigen an einen riesigen viereckigen Brunnenschacht.

In der Zeit kurz vor der Ankunft Bartlebys beschäftigte ich zwei Kopisten und einen vielversprechenden Jungen als Bürolehrling. Das waren erstens der Truthahn, zweitens die Kneifzange und drittens die Pfeffernuß. Das mögen Namen sein, wie man sie normalerweise nicht im Adreßbuch findet. In Wirklichkeit waren es auch Spitznamen, die meine drei Angestellten sich gegenseitig zugelegt hatten und welche die entsprechende Persönlichkeit oder ihre Wesensart treffend kennzeichneten.