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Jack London

„Die konzentrischen Tode“

Der Schatten und das Funkeln

Wenn ich daran zurückdenke, dann wird es mir klar, wie merkwürdig diese Freundschaft war. Erstens dieser Lloyd Inwood, hochgewachsen, schlank und gut gebaut, nervös und dunkel. Und zweitens Paul Tichlorne, schlank und gut gebaut, nervös und blond. Sie glichen sich in allem bis auf die Farbe. Lloyd war schwarz, Paul blond. Wenn das Blut ihnen in erregten Augenblicken zu Kopfe stieg, erhielt Lloyds Gesicht einen olivfarbenen Schein, das Pauls wurde purpurrot. Abgesehen von diesem Unterschied in Teint und Farbe glichen sie einander wie zwei Tropfen Wasser. Beide waren hochgespannt, stets zu außerordentlichen Anstrengungen und Strapazen geneigt und lebten immer unter Volldampf.

Aber diese Freundschaft umfaßte ein Trio, und der Dritte war klein, dick, untersetzt und faul, und dieser Dritte war, so ungern ich es gestehe, ich selbst. Paul und Lloyd waren offenbar dazu geboren, miteinander zu rivalisieren, ich dagegen, Frieden zu stiften. Wir wuchsen alle drei zusammen auf, und ich habe oft die heftigen Schläge hinnehmen müssen, die die beiden andern sich gegenseitig zugedacht hatten. Sie konkurrierten stets miteinander und versuchten sich zu überbieten, und wenn sie sich erst in einen Kampf eingelassen hatten, kannten weder ihre eifrigen Anstrengungen noch ihre Leidenschaften eine Grenze. Dieser starke Wetteifer herrschte sowohl in ihren Studien wie in ihrem Spiel. Lernte Paul einen Gesang des Marmion auswendig, so lernte Lloyd zwei Gesänge, dann kam Paul mit dreien und Lloyd wieder mit vieren, bis sie beide das ganze Gedicht auswendig konnten.

Ich erinnere mich eines Ereignisses, das eines Tages im Schwimmbassin stattfand – eines Ereignisses, das in trauriger Weise charakteristisch für ihre Neigung zu einem Kampfe auf Leben und Tod war. Die Knaben belustigten sich zuweilen damit, bis auf den Grund eines drei Meter tiefen Teiches zu tauchen und sich an den Wurzeln unten festzuhalten, um zu sehen, wer am längsten unter Wasser bleiben konnte. Paul und Lloyd beschlossen nach gegenseitigen Anzapfungen zusammen zu tauchen. Als ich ihre harten, entschlossenen Gesichter im Wasser verschwinden sah, durch das sie schnell niedersanken, ahnte ich gleichsam, daß etwas Schreckliches geschehen würde. Die Sekunden vergingen, die Ringe im Wasser verschwanden, der Spiegel des Teiches wurde wieder glatt und ruhig, aber weder der dunkle noch der blonde Kopf tauchte wieder auf, um Atem zu schöpfen. Wir Zuschauer begannen ängstlich zu werden. Der von dem ausdauerndsten Knaben aufgestellte Zeitrekord war längst geschlagen, aber immer noch zeigte sich keiner von ihnen. Einige Luftblasen, die langsam zur Oberfläche emporquollen, zeigten, daß ihre Lungen sich von Luft entleerten, und einen Augenblick darauf stiegen auch keine Luftblasen mehr empor. Jede Minute erschien wie eine Ewigkeit, und schließlich stürzte ich mich ins Wasser, außerstande, die Spannung noch länger zu ertragen.

Ich fand sie auf dem Grunde, krampfhaft an die Wurzeln geklammert; ihre Köpfe waren nicht einen Fuß voneinander entfernt, und sie starrten sich gerade in die Augen. Sie litten schreckliche Qualen, wanden sich vor Pein bei ihrem freiwilligen Erstickungsversuch, aber keiner von ihnen wollte loslassen und sich für besiegt erklären. Ich versuchte, Pauls Hände von der Wurzel loszureißen, aber er leistete kräftigen Widerstand. Dann mußte ich selbst an die Oberfläche, um Luft zu schöpfen. Ich erklärte den anderen schnell die Situation, und ein Dutzend von ihnen tauchte hinunter und riß sie mit Gewalt los. (...)