13

Rudyard Kipling

„Das Haus der Wünsche“

Eine Madonna im Schützengraben

(...) Wenn man bedenkt, wie viele innerlich noch ungefestigte Kriegsteilnehmer während der ersten Friedensjahre der Instruktionsloge (Abzweigung von »Glaube und Werke E.C. 5837«) beitraten, so war es eigentlich erstaunlich, daß durch solcherlei neu hinzukommende Brüder nicht ernstere Störungen verursacht wurden, zumal sie durch Begegnungen mit alten Kameraden sich plötzlich wieder in die noch wunde Vergangenheit zurückversetzt sahen. Aber unser munterer spitzbärtiger Hausdoktor – Bruder Keede, Seniorenvorstand – war stets auf dem Posten, um etwaigen Ausbrüchen krankhafter Nervenüberreizung rechtzeitig vorzubeugen. Hatte ich unbekannte oder nicht ausreichend verbürgte Brüder für die Aufnahme in die Loge zu prüfen, so sandte ich alle irgendwie zweifelhaften Fälle zu ihm. Denn als passionierter Militärarzt in einem Süd-London-Bataillon während der letzten Kriegsjahre besaß er reiche Erfahrung und traf natürlich auch unter den Bewerbern oft alte Kameraden oder Bekannte.

Einst kam von einer der Süd-London-Logen ein gewisser C. Strangwick zu uns, ein junger hochaufgeschossener Mann, der erst vor kurzem Bruder geworden war. Seine Papiere und seine Auskünfte schienen einwandfrei; doch in seinen rotgeränderten Augen lag ein unsteter Glanz, der auf kranke Nerven schließen ließ. So brachte ich ihn persönlich zu Keede, der in ihm eine Stabsordonnanz seines alten Bataillons wiedererkannte. Er beglückwünschte ihn zu seiner Wiederherstellung – der Mann war irgendeines Leidens wegen entlassen worden –, und bald waren beide in Erinnerungen an die Sommeschlacht vertieft.

»Hoffentlich habe ich’s recht gemacht, Keede«, sagte ich, während wir uns die Robe zur Logensitzung anlegten.
»Ja, durchaus. Der Mann erinnerte mich daran, daß ich ihn im Jahre 18 bei Sampoux behandelt habe, als er zusammengebrochen war. Er war Meldegänger.«
»War es ein Nervenschock?« fragte ich.
»So was Ähnliches – aber nicht das, was er mich glauben machen wollte. Nein, simuliert hat er nicht. Er bekam Anfälle schwerster Art – nur versuchte er, mich über deren wahre Ursache zu täuschen ... Na ja, wenn wir den Patienten das Lügen abgewöhnen könnten, würde die Kunst der Medizin vermutlich allzu einfach sein.«

Ich bemerkte, daß Keede – nach der eigentlichen Logensitzung – ihm einen Platz zwei Reihen vor uns anwies, damit er sich an einer Vorlesung über den Bau von König Salomons Tempel ergötzen könne. Diese Veranstaltung hatte sich ein eifriger Bruder ausgedacht als unterhaltsames Einschiebsel zwischen Arbeit und Abendessen, das wir unser »Bankett« zu nennen pflegten. Aber trotz reichlicher Zuhilfenahme von schmackhaftem Tabak blieb es eine höchst langweilige Geschichte. Strangwick, der schon eine Weile unruhig auf seinem Sitz hin und her gerutscht war, sprang mitten während der Vorlesung plötzlich auf, so daß sein Stuhl kreischend über die Steinfliesen zurückflog und schrie: »O Tante! Das kann ich nicht länger aushalten!« Gefolgt vom allgemeinen Gelächter der Zustimmung, stürzte er an uns vorbei und stolperte zur Tür hinaus. (...)