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Henry James

„Die Freunde der Freunde“

Owen Wingrave - 1 -

»Bei meiner Ehre, Sie müssen von Sinnen sein!« rief Spencer Coyle, als der junge Mann mit weißem Gesicht schwer atmend dastand und wiederholte: »Wirklich, ich bin fest entschlossen!« und: »Ich versichere Ihnen, ich habe es mir gründlich überlegt.« Sie waren beide blaß, nur lächelte Owen Wingrave sein Gegenüber auf eine Weise an, die diesen erboste, auch wenn er immer noch feinerer Unterscheidungen fähig war und durchaus erkannte, daß Owens verzerrtes Gesicht (es wirkte wie ein abweisender Seitenblick) die Folge einer außerordentlich großen und verständlichen Nervosität war.

»Es war bestimmt ein Fehler, solange mitgemacht zu haben; aber das ist genau der Grund, warum ich meine, daß ich nicht weitermachen darf«, erklärte der arme Owen, wartete mechanisch, ja, demütig fast (er wollte nicht auftrumpfen, und es gab auch wahrhaftig nichts, womit er hätte auftrumpfen können), und wandte seine trocken schimmernden Augen durch das Fenster den empfindungslosen gegenüberliegenden Häusern zu.
»Ich kann gar nicht sagen, wie entsetzt ich bin. Sie machen mich krank«, fuhr Mr. Coyle fort und sah aus, als verstünde er die Welt nicht mehr.

»Es tut mir leid. Gerade die Angst vor der Wirkung, die das auf Sie haben müßte, hat mich davon abgehalten, schon früher den Mund aufzumachen.«

»Sie hätten schon vor drei Monaten zu mir kommen müssen! Sie können doch nicht von einem Tag auf den anderen den Verstand verloren haben.«

Eine Zeitlang sagte der junge Mann gar nichts. Dann erklärte er unter leichtem Zittern: »Sie sind sehr wütend auf mich, und das habe ich erwartet. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für alles, was Sie für mich getan haben. Ich tue alles, was Sie wollen, um Ihnen das zu vergelten – nur das eine kann ich nicht. Alle anderen hier werden es mich selbstverständlich spüren lassen. Darauf bin ich gefaßt – ich bin auf alles gefaßt. Deshalb hat es ja gerade so lange gedauert: bis ich sicher war, daß ich auf alles gefaßt war. Ich glaube, es ist Ihr Zorn, was mich am meisten trifft und was ich am meisten bedauere. Aber mit der Zeit werden Sie darüber hinwegkommen.«

»Und Sie werden wohl noch schneller darüber hinwegkommen, nehme ich an!« rief Spencer Coyle ironisch. Er war genauso erregt wie sein junger Freund, und offensichtlich waren sie beide nicht in der Verfassung, ein Treffen weiter in die Länge zu ziehen, bei dem sie beide Blut ließen. Mr. Coyle war von Beruf >Einpauker<; er bereitete junge Leute auf die Laufbahn in der Armee vor, nahm jeweils nur drei oder vier von ihnen auf und ließ ihnen jenes unwiderstehliche Stimulans zuteil werden, das zu besitzen sowohl sein Geheimnis als auch sein Glück war. Er führte kein großes Etablissement; vor sich selbst würde er gesagt haben, schließlich handele er nicht en gros.

Weder sein System, seine Gesundheit noch sein Temperament wären mit einer größeren Zahl von Schülern fertig geworden; folglich wählte er sorgfältig aus, nahm genau Maß und wies mehr Anwärter ab, als er aufnehmen konnte. Er war auf seinem Gebiet ein Künstler, gab sich nur mit ausgesuchtem Material ab und war imstande, nahezu leidenschaftliche Opfer für die ihm anvertrauten einzelnen zu bringen. Was ihm gefiel, waren feurige junge Männer (es gab andere Fähigkeiten, für die er unempfänglich war), und auf Owen Wingrave hielt er ganz besonders große Stücke. (...)