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Charles Howard Hinton

„Wissenschaftliche Erzählungen“

Der König von Persien (Erstes Kapitel)

Es war einmal ein König in Persien. Eines Tages, als er gerade auf der Jagd war, gelangte er an den engen Eingang eines Tales. Das Tal war zu beiden Seiten von ausgedehnten Hügeln, offenbar den Ausläufern der fernen Berge, eingeschlossen. Die Ausläufer ragten ins Land hinein und umschlossen eine weite Ebene. Am Eingang des Tales, wo der König sich befand, näherten sie sich an und endeten in steilen Wänden. Eine tiefe Schlucht durchzog den Eingang des Tales. Der König, gefolgt von seinen Höflingen, galoppierte an ihr entlang und suchte eine Stelle, an der der tiefe Graben flacher gewesen wäre, so daß er hätte hinunterreiten und über den Aufstieg auf der anderen Seite das Tal erreichen können.

Doch überall, von Wand zu Wand, war die Schlucht dunkel und tief und gab keinen Weg in das Tal frei. An einer Stelle nur hätte er hinübergelangen können. Zwei gewaltige Felsbrocken, die von beiden Seiten wie die zwei Teile des Bogens einer natürlichen Brücke über die Tiefe ragten, schienen sich dort in der Mitte zu treffen.
Der Fels erzitterte und erbebte, als der König seinem Pferd die Sporen gab. Die Felsmassen lösten sich, und der Widerhall ihres donnernden Sturzes in den Abgrund tönte herauf, bis er erstarb.
Bevor einer seiner Höflinge ihm hätte folgen können, gab einer der großen Brückenstege oder Vorsprünge nach – und die Felsenmasse stürzte krachend hinunter. Der König war allein im Tal.

»Nun denn«, rief er, »das Königreich Persien ist zu diesem kleinen Fleck geschrumpft!« Und ohne sich vorerst um seine Rückkehr zu sorgen, ritt er voran. Doch als er auf seinem Roß, das mehr als zehn Meilen Wegstrecke in der Stunde zurückzulegen in der Lage war, weit in das Tal hineinritt und daraufhin wieder zum Eingang zurückkehrte, konnte er nicht die Spur einer lebenden Seele auf der anderen Seite des Abgrunds entdecken. Außer ein paar von dem berittenen Zug geknickten Rohrgräsern wies nichts darauf hin, daß seit Menschengedenken jemals ein menschliches Wesen auf der anderen Seite gestanden hätte.

Der Abend näherte sich rasch. Doch es kam niemand zurück. Wieder ritt er tief in das Tal hinein. Fast überall war es mit hochgewachsenem Gras bedeckt, doch hier und da zeigte eine dichte und verschlungene Vegetation, wie fruchtbar der Boden war, und mancherorts wurde die Ebene von klaren Flüßchen durchschnitten, die sich schließlich in der dunklen Schlucht verloren, die er gerade so tollkühn überquert hatte. Doch die steilen Wände boten keine Öffnung, durch die er aus dem Tal hätte entkommen können.

Als die Nacht hereinbrach, streckte er sich unter einem der Bäume in der Nähe der Schlucht aus, und sein treues Pferd stand ruhig neben seinem Haupt. Er erwachte, als der Mond am Himmel stand. Er sprang plötzlich auf, eilte an den Abgrund und spähte hinüber in das Land, aus dem er gekommen war. Denn es war ihm, als habe er Töne gehört, die nicht dem natürlichen Pfeifen des Windes oder dem Plätschern des Wasser glichen. Deutlich sah er auf der anderen Seite einen alten Mann in zerlumpter Kleidung an einem Felsen lehnen. In seiner Hand hielt er eine lange Pfeife, auf der er hin und wieder ein paar ausgelassene Töne spielte.(...)