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Pedro Antonio de Alarcón

„Der Freund des Todes“

Er war ein armer Junge, groß, mager, mit gelblicher Haut, guten schwarzen Augen, breiter Stirn und den schönsten Händen der Welt, sehr schlecht gekleidet, von stolzer Haltung und unerschöpflichem Humor … Er war neunzehn Jahre alt und hieß Gil Gil.

Gil Gil war der Sohn, Enkel, Urenkel, Ururenkel und weiß Gott was noch alles der besten Flickschuster am Hofe, und als er auf die Welt kam, brachte er seiner Mutter, Crispina López, den Tod; auch ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern waren demselben Gewerbe rechtschaffen nachgegangen.

Juan Gil, der rechtmäßige Vater unseres melancholischen Helden, entdeckte seine Liebe zu ihm noch nicht, als er erfuhr, daß er mit beiden Fersen an die Tür des Lebens trat, sondern erst, als man ihm sagte, daß er den Mutterleib verlassen hatte, obwohl er auf diese Weise seine Frau verlor, woraus ich zu folgern wage, daß dieser arme Schuhmacher und Crispina López das Musterbeispiel einer kurzen, aber schlechten Ehe waren.

So kurz war seine Ehe, daß sie kürzer gar nicht mehr hätte sein können, wenn wir bedenken, daß sie ein rechtmäßig gezeugtes Kind hinterließ …, rechtmäßig bis zu einem gewissen Punkt. Ich will damit sagen, daß Gil Gil ein Siebenmonatskind war, oder besser gesagt, daß er sieben Monate nach der Eheschließung seiner Eltern auf die Welt kam, was nicht immer einunddasselbe ist …

Allerdings, wenn man auch nur dem Anschein nach urteilt, hätte Crispina López es verdient, mehr betrauert zu werden, als ihr Mann es tat, denn als sie von der väterlichen in seine Schuhmacherwerkstatt kam, brachte sie als Aussteuer außer einer fast übermäßigen Schönheit und einer großen Menge Leib- und Bettwäsche einen sehr reichen Kunden mit – keinen geringeren als einen Grafen, und noch dazu den Grafen Ríonuevo! –, der einige Monate lang (wir glauben, es waren sieben) die seltsame Laune hatte, seine kleinen, zarten Füße in das derbe Schuhwerk des guten Juan zu zwängen, dieses unwürdigsten Vertreters der heiligen Märtyrer Crispin und Crispinian , die im Reich Gottes sind …

Aber all das hat nichts mit meiner Geschichte zu tun, die Der Freund des Todes heißt.

Was wir aber schon wissen müssen, ist, daß Gil Gil im Alter von vierzehn Jahren seinen Vater, den ehrbaren Schuhmacher, verlor, zu einem Zeitpunkt, da auch er auf dem besten Weg war, ein guter Flickschuster zu werden, und daß der vornehme Graf Ríonuevo, der Mitleid mit dem kleinen Waisenknaben hatte oder auch angetan war von seinem aufgeweckten Wesen – den genauen Grund kannte niemand –, ihn als Pagen in seinen eigenen Palast mitnahm, jedoch nicht ohne den heftigen Widerwillen der Gräfin, die schon von dem Kind gehört hatte, das Crispina López auf die Welt gebracht hatte.

Unser Held hatte schon eine gewisse Erziehung erhalten – Lesen, Schreiben, Rechnen und christliche Lehre –, so daß er sogleich unter der Aufsicht eines Hieronymiterpaters, der im Hause des Grafen ein und aus ging, das Lateinische in Angriff nehmen konnte …, und, um die Wahrheit zu sagen, das waren die glücklichsten Jahre im Leben des Gil Gil; glücklich nicht etwa, weil sie frei von Verdruß waren (dafür sorgte zur Genüge die Gräfin, die ihn immerzu an Ahle und Knieriemen erinnerte), sondern weil er des Abends seinen Beschützer zum Hause des Herzogs von Monteclaro begleitete, und der Herzog von Monteclaro hatte eine Tochter, die als alleinige Erbin all der Güter und Einkünfte galt, die er schon besaß, und auch derjenigen, die noch zu seinem Besitz hinzukommen würden, und die außerdem wunderschön war …, obwohl der besagte Vater ziemlich häßlich und plump war.

(1) Der heilige Crispin ist der Schutzheilige der Schuster.